Die Digitale Bühne im Test:

Das teatreBLAU. Katja Lebelt im Gespräch

Viele Jahre hat Katja Lebelt als Kostüm- und Bühnenbildnerin am Stadt- und Staatstheater gearbeitet, bevor sie 2008 im ländlichen Brandenburger Raum ein freies Theater gründete, die LehnschulzenHofbühne Viesen. 2016 übernahm Katja Lebelt die künstlerische Leitung des Brandenburger Theaters, wo sie in Kooperation mit dem Teatre Principal aus Palma/Balearen das Projekt „MAX - Kulturbrücken bauen“ entwickelt hat. Aus ihrem Enthusiasmus dafür, Akteure über ein gemeinsames Thema zu vernetzen, gründete sie 2017 das teatreBLAU, ein internationales Netzwerk mit verschiedenen Standorten, das Künstler*innen aus Deutschland, Großbritannien, Spanien und Syrien in der gemeinsamen Projektarbeit zusammenbringt. „Es ist unser Konzept, ein Theater ohne festes Haus zu sein. Zur Zeit proben wir an verschiedenen Orten das Stück ‚Home‘ der syrischen Autorin Roua Horanieh, das in Frankfurt/Oder Premiere haben wird, und Offenbachs Oper ‚Ba-ta-clan‘, die in Seelow und Angermünde im hybriden Format auf die Bühne kommen soll.“

Für die gemeinsame Arbeit von verteilten Orten setzt das teatreBLAU die Digitale Bühne ein, die  hier von Anfang an nicht als ein Ersatz für die physische Präsenz im COVID-Lockdown gedacht war, sondern als ein digitales Medium, das Akteure über Entfernungen hinweg verbindet. „Ich habe die räumliche Distanz, die langen Wege immer wieder als einen Hinderungsgrund für gemeinsame künstlerische Arbeiten erfahren. Deshalb habe ich schon lange vor der Pandemie Workshops mit Slack, Zoom und Skype gegeben, um herauszufinden, was im digitalen Raum möglich ist.“ Mit der Digitalen Bühne kann das teatreBLAU Akteure im hybriden und digitalen Raum zusammenbringen, und in hybriden Aufführungen kann es sein Publikum aus Spanien ebenso mitnehmen wie das Publikum aus Schönhagen in der Prignitz.

In der künstlerischen Gestaltung der Oper „Ba Ta Clan“ experimentiert das teatreBLAU, in Kooperation mit dem Preußischen Kammerorchester, dem Dominikanerkloster Prenzlau und BL-Arts en Viu, mit einer neuen Form des Musiktheaters, die den digitalen Raum einbezieht. Das Bühnenbild zeigt eine digitale Architektur mit drei Videoprojektionen und gibt eine Antwort auf die Frage, wie die reale Bühne in die digitale Bühne übergehen kann. „Im Theater und in der Oper bringen wir Sound und Bild zusammen. Wir arbeiten mit der PC-Version der Digitalen Bühne und schauen auf der einen Seite, dass wir die Tonqualität, die damit möglich ist, im Detail herstellen.“ In den Proben für die Oper hat sich zum Beispiel gezeigt, dass zwei Richtmikrofone und sechs Ansteckmikrofone keine optimale Lösung sind, hier kann das Ensemble viele Varianten ausprobieren. „Auf der Seite der Bilder schaffen wir jetzt Kameras an und richten eine digitale Schnittstelle ein, so dass wir live schneiden können.“ In Arbeitsprozessen dieser Art testet das teatreBLAU, exemplarisch für die freien Theater und Ensembles im Land Brandenburg, die Digitale Bühne und gestaltet ihre Möglichkeiten so, wie sie für kleine Einrichtungen realisierbar sind, die keine eigene Licht-, Ton- und Videoabteilung zur Verfügung haben. „Gerade in der Anlaufphase, in der man sich daran gewöhnt, die neue digitale Technik zu verwenden, ist es wichtig, dass die Digitale Bühne ein Support-System mit individueller Unterstützung anbietet.“

Um die künstlerische Gestaltung digitaler Räume weiter zu entfalten, brauchen die freien Theater, die in ihren Personalmitteln stets knapp sind, auch finanzielle Unterstützung. Hybride Proben und Auftritte erzeugen anfangs einen Mehraufwand vor allem auf der Seite des Personals - man braucht Experten für den Ton und für die Kamera, die schauen, dass alles reibungslos funktioniert und den Sänger*innen und Schauspieler*innen, die oft Berührungsängste mit der neuen Technik haben, die Mikrofone anlegem und technische Details erklären. Auch die digitale Kommunikation mit der Öffentlichkeit, die Präsenz in den sozialen Medien und die Herstellung kleiner Trailerfilme fordern zusätzliche Arbeitskraft. Dafür werden Reise- und Übernachtungskosten gespart und das Team kann ohne Mehrkosten proben.

„Wir möchten gern Pakete definieren, die beschreiben, welche technische Ausstattung und welches spezielle Personal für verschiedene Szenarien der hybriden und der digitalen Probe und Aufführung gefordert ist.“ Auch der Support mit individueller Unterstützung, Handbüchern, Infomaterial und Videotutorials gehört mit zum Paket.

Als Perspektive in die Zukunft wünscht sich Katja Lebelt weiter, dass das Publikum, das in einer Live-Aufführung digital dazukommt, sich in Breakout Rooms mit den Beteiligten auf der Bühne und auch mit dem Publikum vor Ort austauschen kann. „Die direkte Kommunikation mit anderen Zuschauern ist ein wichtiger Punkt im Theater - dies müssen wir auch in hybriden Formaten möglich machen. Werkzeuge wie die Digitale Bühne eröffnen einfach neue Welten, und ich hoffe, dass die Menschen das begreifen und auch nutzen.“

 

Mitmachen und ausprobieren