Einblick in das Digitale-Bühne-Netzwerk:

Das Hamburger Konservatorium. Michael Petermann im Gespräch – Teil 1

Ausgebildet als Kirchenmusiker und Dirigent, hat Michael Petermann nach seinem Studium in Hamburg als Kantor und Organist Chöre und Orchester geleitet, Opern dirigiert und selbst komponiert. In seinem Atelier im Hamburger Medienbunker inszenierte er von 2005 bis 2017 Klassik und Avantgarde in der Konzertreihe Bunkerrauschen. Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe und in den Technischen Sammlungen Dresden stellte er 2011 sein Blödes Orchester aus, eine Klanginstallation, in der 188 Vintage Haushaltsgeräte, angeordnet wie ein Symphonieorchester, MIDI-gestützt rhythmische Klangspuren spielen. Seit 2013 leitet Michael Petermann das Hamburger Konservatorium (KON) als Direktor der Akademie mit Zuständigkeit für die Digitalisierung, gemeinsam mit Markus Menke, der Direktor der Musikschule ist.

Michael Petermann © Markus Hertrich

Das Hamburger Konservatorium gibt allen Menschen mannigfaltige Gelegenheit zum Musizieren, von den frühesten Jahren bis ins hohe Alter, auf allen Ebenen der Kunst und der Pädagogik. Mit rund 280 Lehrkräften und Mitarbeiter*innen bietet das KON Unterricht für etwa 11.000 Musikschüler*innen und Studiengänge für mehr als 250 Studierende aus dem In- und Ausland. „Unser Studienprogramm ist von Anfang an darauf ausgelegt, dass man im Arbeitsfeld Musik sehr diverse Berufsbilder haben kann.“ 1908 in Blankenese gegründet, hat sich das KON im Feingewebe des Hamburger kulturellen Lebens fest verankert, nicht nur in den Elbvororten, sondern auch in urbaneren Stadtteilen wie etwa Altona. 2021 hat die Hamburger Bürgerschaft durch eine Bürgschaft den Bau eines neuen Stammsitzes im Stadtteil Bahrenfeld ermöglicht. Am neuen Standort, der 2024 bezogen wird, eröffnet das Hamburger Konservatorium dann auch eine Musik-Kita, für die Kent Nagano als Mentor eintritt.

In Ergänzung zu Unterricht und Studium hat das KON vor der Pandemie etwa 400 Konzerte im Jahr an verschiedensten Hamburger Orten angeboten oder mitgestaltet - in einem weiten Spektrum vom Vorspiel einer Musikschulklasse über Abschlusskonzerte von Studierenden bis hin zum Auftritt des Elbphilharmonie Publikumsorchesters, in dem ambitionierte Amateure unter der Leitung von Michael Petermann zweimal im Jahr im großen Saal der Elbphilharmonie spielen. „Wir haben nicht ständig nur große Namen bei uns versammelt, sondern sehen uns mehr im täglichen Geschäft der Musikausbildung, wo viel wertvolle Arbeit geleistet wird, die nach außen nicht immer sofort sichtbar wird.“

Als die COVID-19 Pandemie die Arbeitsabläufe für Musiker*innen radikal veränderte, traf der Einschnitt das Hamburger Konservatorium nicht unvorbereitet. Mit Hilfe der Hamburger Behörde für Kultur und Medien hatte das Team um Michael Petermann die Digitalisierung bereits stark entwickelt und Anfang 2019 die KONapp implementiert, ein Messenger-System, mit dem man datengeschützt und DSGVO konform mit anderen, auch in Gruppen, chatten und Daten austauschen kann. „Vor der Pandemie hatten wir auch schon angefangen daran zu arbeiten, wie der Unterricht online stattfinden kann, und wie die Musikschüler*innen schon vor der nächsten Unterrichtsstunde ein Feedback von ihren Lehrer*innen einholen können.“ Als im März 2020 der Lockdown anfing, konnte das KON mit Hilfe der KONapp die Kommunikation zwischen Musiklehrer*innen, Schüler*innen und Studierenden aufrechterhalten. Mit dem KONcorder, einer Vier-Spur-Aufnahme-App konnte man am Ort A eine Spur aufnehmen, über die KONapp teilen, und am Ort B nahm jemand die nächste Spur auf, bis ein Soundtrack fertig war. Die KONapp hatte ein Videotool mit einfachen Funktionen, das Videokonferenzen mit wenigen Teilnehmer*innen möglich machte, und mit wachsender Erfahrung konnten die Nutzer*innen auch ihren Bildschirm teilen und Noten verteilen. So konnten der Unterricht und der Seminarbetrieb inklusive Prüfungen am Hamburger Konservatorium online weiterlaufen. „Die Orchesterproben haben wir auf Zoom abgehalten, wo man zwar nicht zusammen musizieren kann, aber wir haben Workarounds entwickelt - das waren Proben, in denen mehr über die gespielte Musik gesprochen als tatsächlich musiziert wurde.“

Auf der Suche nach Möglichkeiten, latenzarm online zu musizieren, haben sich Michael Petermann und sein Team mit verschiedenen Systemen vertraut gemacht und Anfang 2021 die Idee realisiert, 50 digital-stage-ov-boxen zu beschaffen und damit fünf Probenräume für jeweils 10 Teilnehmende zu entwickeln. Robert Biesewig, Projektleiter E-Learning am Konservatorium, hat die Boxen mit Hilfskräften montiert und mit weiterer Audio Hardware zu 50 einsatzfähigen Bundles komplettiert. „So haben wir dann mit 50 Orchestermitgliedern geprobt, in kleinen Gruppen - das Onboarding war aufwendig, und der Support musste sehr genau organisiert werden.“ Robert Biesewig und sein Kollege Marco Schröder waren für Fragen ansprechbar, und zusätzlich waren auch technikaffine Orchestermitglieder bereit, ehrenamtlich Supportaufgaben zu übernehmen. „Mit dieser Unterstützung konnten wir in die Startphase gehen und haben uns darauf gefreut, in der Arbeit mit der Digitalen Bühne zu experimentieren und Erfahrungen zu sammeln.“

 

Teil 2 des Gesprächs erscheint im Newsletter Juli 2022.

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