Einblick in das Digitale-Bühne-Netzwerk:

Das Hamburger Konservatorium. Michael Petermann im Gespräch – Teil 2

 

Michael Petermann © Markus Hertrich

Als das Hamburger Konservatorium (HH KON) anfing, die Digitale Bühne einzusetzen, waren einige Nutzer*innen erstaunt über die Veränderung der Hörerfahrung im digitalen Element. Die Digitale Bühne galt zunächst als ein Vehikel, ein Ersatz für die physische Präsenz, die im Lockdown nicht möglich war. „In der Probenarbeit zeigte sich dann aber auch eine neue Intimität des Musizierens, weil man sich selbst und die anderen so dicht über den Kopfhörer hört. Das hat manche für das System eingenommen, und auch motiviert: sie haben es als Ansporn aufgenommen, dass sie sich und alle anderen in der digitalen Probe viel genauer hören.“

Ein nächster Schritt wird darin bestehen, die Arbeit mit der Digitalen Bühne am Hamburger Konservatorium in die Fläche zu verbreiten. Mit Hilfe der Hamburger Behörde für Kultur und Medien haben Michael Petermann und sein Team Fördermittel des Landes für die Digitale Bühne akquiriert und zwei neue Use Cases definiert. In der zweiten Jahreshälfte werden sowohl das KON-Kinderorchester als auch eine Jazzband aus KON-Studierendenanfangen, online zu proben und Erfahrungen mit dem digitalen Raum zu sammeln. In welcher technischen Version - digital-stage-ov-box, digital-stage-pc oder digital-stage-web - die Digitale Bühne in diesen neuen Arbeitsfeldern dann zum Einsatz kommt, wird zurzeit noch geklärt. Ebenfalls in der zweiten Jahreshälfte soll die Digitale Bühne in die Webseite des Hamburger Konservatoriums eingebunden werden. „Auf unserem künftigen Markplatz Musik finden sich musikaffine Dienste, die wir gemeinsam mit lokalen und überregionalen Partnern aus der Amateur- und Profimusikszene niedrigschwellig anbieten. Als Host dieser Angebote möchte das Hamburger Konservatorium gerne auch die Digitale Bühne so einfach wie möglich der musizierenden Community zur Verfügung stellen.“

Ein weiteres Arbeits- und Entwicklungsfeld der Digitalen Bühne am KON sind die hybriden Formate. „Der Unterricht, die Seminare können bei uns heute schon hybrid stattfinden, wo dann von zwölf Teilnehmer*innen vielleicht zehn im Raum präsent sind, aber zwei vielleicht gerade positiv getestet wurden und digital zugeschaltet werden.“ Dafür muss man aber erst einmal den Bildschirm aufbauen, die Kamera einstellen und eine Liste weiterer Präliminarien durchlaufen. Um das Format auf eine festere Basis zu stellen, sind Investitionen in die Ausstattung der Unterrichtsräume gefordert. Auch die hybride Probe, in der ein Teil des Ensembles vor Ort präsent ist und andere digital teilnehmen, bietet die Möglichkeit, Musiker*innen einzubeziehen, die gerade reisen oder anderweitig verhindert sind. Das KON hat dafür in seinen Proberäumen bereits entsprechendes Audio-/Video-Equipment installiert und wird dies weiter ausbauen. Auf der Seite der Teilnehmer*innen wird man das Nadelöhr der Bandbreite kritisch anschauen müssen. „Ich sehe aber, dass sich diese Lernprozesse, die durch die Pandemie beschleunigt worden sind, weiter verstetigen, und in relativ kurzer Zeit wird es wahrscheinlich völlig selbstverständlich sein zu fragen: Wer ist heute im Raum, und wer ist online dabei.“

In den hybriden Formaten ist auch ein intensiverer Austausch über regionale und nationale Grenzen hinweg möglich. So kann ein Chor, der Interesse daran hat, einen argentinischen Stil kennenzulernen, eine Chorleiterin aus Argentinien für einige Proben digital dazuschalten und von ihr lernen. Oder ein Teenager, der Jazztrompete spielt, möchte bei seinem Idol, Wynton Marsalis aus New Orleans, einen Workshop buchen, der in einem traditionellen Setup aber nie zustande kommen wird. „Ein zweistündiger Online-Workshop wäre allerdings denkbar - mit latenzarmer Audioverbindung über die Digitale Bühne und entsprechender Videoverbindung wäre die Möglichkeit, mit internationalen Koryphäen in Kontakt zu kommen, hochmotivierend gerade für Jugendliche, die ihre Vorbilder oft im Internet finden.“

Im weiteren Ausblick wird das gemeinsame Musizieren eines Chors oder Orchesters im analogen Raum eine Klangfülle, ein Gemeinschaftsgefühl und ein Interagieren mit dem Publikum bieten, das nicht ersetzt werden kann. Aber die Digitale Bühne öffnet einen anderen Raum, einen intimen Raum, durch die neue Hörerfahrung über den Kopfhörer. „Auf eine intime Weise mit einem Kollektiv verbunden zu sein, in dem alle das Gleiche tun, ohne in dem gleichen Raum zu sein, ist eine sehr neue Erfahrung. Wir sind gespannt darauf zu sehen, was sie in uns auslösen wird, und welche Motivation dadurch vielleicht ganz neu geschaffen wird.“

Am Ende ist es nicht mehr zeitgemäß, das Analoge und das Digitale als ein Paar von Gegensätzen zu betrachten. Der Medienforscher und Erziehungswissenschaftler Benjamin Jörissen spricht davon, dass wir in einem postdigitalen Zeitalter leben, in dem es um die Frage geht, welche neuen kulturellen Erlebnisse und Kulturtechniken daraus entstehen, dass wir digitale Werkzeuge nutzen. „In diesem Sinn kann ich mir vorstellen, dass wir unser Musikleben in analogen Räumen fortsetzen und gleichzeitig die Möglichkeiten nutzen, die ein Werkzeug wie die Digitale Bühne bietet, um neue Erfahrungshorizonte zu erschließen.“

 

Teil 1 des Gesprächs erschien im Newsletter Juni 2022.

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