Einblicke in das Digitale-Bühne-Netzwerk:

Der Bayerische Musikrat. Jürgen Schwarz im Gespräch – Teil 2

Unabhängig von Corona glaube ich, dass die Möglichkeit des digitalen Musizierens für die Zukunft einen Stellenwert haben wird“, sagt Jürgen Schwarz, Geschäftsführer des Bayerischen Musikrats und geschäftsführender Präsident des Chorverbands Bayerisch-Schwaben. „Da das Reisen absehbar nicht einfacher wird und die Nachhaltigkeitsidee eine zunehmende Rolle spielt, wird ein Zukunftspotenzial der Digitalen Bühne darin liegen, Teile der musikalischen Probenarbeit an das digitale Medium zu übertragen.“

Die digitale und auch die hybride Probe, in der ein Teil des Ensembles im Probenraum präsent ist und ein anderer Teil digital zugeschaltet wird, wirken auf verschiedenen Ebenen integrativ. Auf einem High End Level hat ein Chor die Möglichkeit, eine Chorleiterin aus dem Ausland digital in seine Probe mit hineinzunehmen, um von ihr zu lernen, oder ein Orchester kann eine Dirigentin aus dem Ausland einladen, digital an einigen seiner Proben teilzunehmen. So fördern die digitalen Möglichkeiten den Austausch über regionale und nationale Grenzen hinweg. „Aber auch die Entwicklung der unterschiedlichen Musikstylistiken - Jazz, Pop, Elektro, usw. - wird durch die neuen Formate unterstützt, denn in einzelnen Projekten kann ich mich jetzt sehr einfach in eine andere Umgebung einklinken.“

Im täglichen Geschäft der Gruppen- und Ensemblearbeit kann das digitale und hybride Format zum Beispiel Jugendlichen helfen, die in ländlich dünn besiedelten Gebieten mit anderen gemeinsam musizieren möchten, aber in ihrem unmittelbaren Umfeld nicht die passenden Partner*innen finden. Oder es kann einen größeren Chor unterstützen, in dem es immer Mitglieder gibt, die auf Reisen oder anderweitig physisch nicht verfügbar sind, digital aber an der Probe teilnehmen können. „Wir haben die Digitale Bühne erst einmal als Ersatz gesehen für eine Situation, die im Lockdown physisch nicht mehr möglich war. Aber der digitale Raum ist auch eine eigene Dimension, mit der  man in der Musik neue Möglichkeiten erschließen kann.“

Die Arbeit mit Mikrofon und Kopfhörer ist für Laien eventuell erst einmal ungewohnt, hat aber ihren eigenen Charme, indem sie ein neues Klangerlebnis und auch eine neue musikalische Einstellung möglich macht. „In unseren ersten Tests mit der Digitalen Bühne 2021 war bereits das Spielen mit der Distanz zum Mikrofon spannend. Wenn ich relativ nah bin, dann bin ich vorsichtiger beim Einsatz meiner Stimme, ich muss nicht singen, was das Stimmvolumen hergibt.“ Wenn man eine digitale Software einsetzt, dann ist es möglich, die Aufnahme mit einem „Reverb“ zu hinterlegen, so dass sich im Digitalen auch ein Raum abbildet. „Die Entwicklung der Digitalen Bühne gibt den Musiker*innen die Möglichkeit, ihre Orte im 3D-Audioraum variabel zu bestimmen, und man bekommt auch die Möglichkeit, alle Sopranstimmen zum Beispiel auf einer Seite beisammen zu haben und alle Tenöre daneben. Da eröffnen sich ganz neue Horizonte.“

Weitere Möglichkeiten zeichnen sich auch auf anderen Linien ab: Der Musikunterricht im digitalen Raum, der mit der Digitalen Bühne möglich wird, soll die Live-Begegnung nicht ersetzen, kann sie aber sinnvoll ergänzen, wenn die Musikschüler*innen zum Beispiel auf dem Land leben und nicht für jede Unterrichtsstunde in die Stadt fahren können. Auch mit dem hybriden Konzertformat hat die Digitale Bühne in Kooperation mit den Fraunhofer-Instituten bereits experimentiert, als im Dezember 2021 der Dark Tenor mit seiner Band im Kesselhaus Berlin live spielte und zwei Pianistinnen digital zugeschaltet waren.

Alle diese Entwicklungen erscheinen als Möglichkeiten attraktiv, sind in ihrer Realisierung aber abhängig von der Qualität der Internetverbindung, und hier sind die Bandbreiten, die uns im deutschen Raum zur Verfügung stehen, oft noch ungenügend. „In einem hybriden Konzert muss gewährleistet sein, dass die Internetübertragung störungsfrei hereinkommt und in ihrer Qualität dem live eingespielten Ton im Saal entspricht, sonst kommen wir über den Testzustand nicht hinaus.“ In der Hoffnung, dass die digitale Infrastruktur bald verbessert wird, betont Jürgen Schwarz die Chancen, die in Werkzeugen wie der digitalen Bühne liegen: „Es macht mir Freude, als ein Ermöglicher zu arbeiten, der nicht wartet, dass etwas konkret angefordert wird, sondern selbst voraus mitdenkt und mitentwickelt.

Jazzy-Christmas-Time am 30.12.2021

 

Teil 1 des Gesprächs erschien im Newsletter Juni 2022.

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